Mehr bringt auch mehr?

Zu Beginn möchte ich euch ein Erlebnis aus meiner Schule erzählen, als ich noch selbst Schülerin der 13. Klasse war. Wir schrieben Leistungskursarbeiten. Mathe. Angesetzt waren fünf oder sechs Unterrichtsstunden. Nach drei Stunden war ich fertig und wollte abgeben, mit dem Rad nach Hause fahren. Inzwischen ahne ich, dass unser damaliger Chemielehrer, der die Aufsicht geführt hat, mich trotz seines Protestes nur hat gehen lassen, weil er nicht endlos diskutieren wollte und weil ein längeres Streitgespräch auch die anderen von ihrer Arbeit abgelenkt hätte. Ich setzte mich also aufs Rad, fuhr los und genoss den Rest des freien Vormittags.
Abschließend sei gesagt: Nein, ich habe die Arbeit nicht verhauen, es war ein „sehr gut“.
Was das jetzt mit dem Schreiben zu tun hat?
Wohl jeder ist schon auf die verbreitete Ansicht gestoßen: Etwas wird nur richtig gut, wenn man hart und ausdauernd daran arbeitet

Je mehr Anstrengung, Konzentration, Zeit und Mittel für etwas verwendet werden, umso besser.


Wer hat von Angehörigen im Literaturbetrieb, zum Beispiel im Literaturteil der Zeitungen nicht die Bewunderung erlebt, wenn jemand JAHRELANG oder gar jahrzehntelang an einem Roman gearbeitet hat? Das zeugt von Qualität. Das ist lesenswert!

Die anderen, das sind die „Schnellschreiber“.

Ein Begriff, der mir vor allem unter Buchhändlern begegnet ist. Schon wieder eine Neuerscheinung von XY. Hat die nicht zuletzt … Und ja, sie / er hat. Na, dann kann das neue Buch ja nichts taugen.
Für meine ersten Romane habe ich wirklich Jahre gebraucht. Ich habe mich mit Wörtern und Sätzen gequält, an manchen Wochenenden acht oder mehr Stunden am Schreibtisch gesessen und schlussendlich nichts Neues produziert, das ich stehen lassen konnte, sondern sogar auch noch Passagen aus dem bestehenden Manuskript gelöscht. Die Bilanz des Tages war damit auf die Wortanzahl bezogen negativ. Mir tat der Rücken weh, der Kopf dröhnte und Hunger hatte ich anschließend auch keinen mehr. Das Hungergefühl an sich war mir von der Anspannung des Nachdenkens vergangen. Obwohl ich in meinen Anfangsjahren des Schreibens selbst erlebt habe, dass eine längere Zeitdauer der Arbeit nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen führt, hatte ich eine Blockade, diese Erkenntnis auch aufs Schreiben zu übertragen.

Inzwischen bin ich mir sicher: Mehr (Zeit, Konzentration, Willenskraft) hilft nicht mehr. Sogar würde ich einen Schritt weitergehen. Mehr schadet.

Einen Roman kann man auf exzessive Weise unbeschadet schreiben, wenn man jung und gesund ist. Wer Anfang zwanzig ist, verkraftet es zumeist problemlos, wenn man sich bei stundenlangem Sitzen am Schreibtisch alle Muskeln verspannt, wenn man nicht ausreichend isst und trinkt. Der Körper ist widerstandsfähig, er verzeiht viel. Die anschließende Schlaflosigkeit, weil man auch in der Nacht nicht die Gedanken vom Roman wegbekommt, erscheint dann wie eine zusätzliche Auszeichnung: Seht her, was ich für den Roman alles tue, wie wichtig er mir ist.
Doch auf die Jahre bezogen glaube ich nicht, dass das irgendjemand unbeschadet durchhält. Wer zu viel tippt, bekommt Probleme mit den Sehnenscheiden, oder es ist der Rücken, der zuerst Signale sendet, oder der Nacken. Manchmal sinkt auch als erstes Symptom die Stimmung in den Keller.

Sicher, ein Roman schüttelt sich nie aus dem Ärmel. Ohne Mühe und Konzentration geht es nicht.

Aber inzwischen plädiere ich dafür, die Vorurteile, die euch laufend begegnen, einmal zu überdenken und auch Alternativen selbst auszuprobieren.
Ist ein Roman, der in zwanzig Jahren entstanden ist, schlechter als einer, der in zwei Monaten geschrieben wurde? Jeder, der im Schreiben erfahren ist, weiß, dass sich der Stil, das Denken, die Persönlichkeit wandeln. Was man vor langer Zeit verfasst hat, passt heute nicht mehr. Um es zu veröffentlichen, muss man es völlig neu schreiben. Ich behaupte, der Roman würde genauso gut, wenn man immer wieder kurz Ideen auf Zettel notiert, sich dann irgendwann hinsetzt, um den Roman zügig zu schreiben.
Dann die Zeitdauer der Arbeits“sitzung“: Lohnt es sich, acht Sunden am Schreibtisch zu grübeln, was man schreiben könnte? Wird der Roman besser, je mehr Zeit man vor dem Bildschirm verbringt?
Mir selbst hilft es mehr, wenn ich zur Einstimmung den Morgen mit einem Ritual starte, dann konzentriert für eine festgelegte, kurze Zeit schreibe.

Bei all den Erwähnungen, wie ungeheuer lang und hart jemand am Roman gearbeitet hat, fehlt ein wesentlicher Aspekt: die Pausen.

Ich denke, Pausen sind sogar wichtiger für das Schreiben als die Zeit, die man am Schreibtisch verbringt. Mit Pausen meine ich nicht, sich stundenlang vor Netflix zu parken, Youtube-Videos durchzuklicken, oder etwas in der Art, sondern sich einen bewussten Ausgleich zu schaffen, sich Tätigkeiten zu wählen, die mit dem Schreiben nichts zu tun haben und guttun. Was inspiriert, Spaß macht und Erholung bringt, ist von Person zu Person unterschiedlich. Bei mir sind das vor allem: wandern (mit und ohne Hunden), reisen, Sport insgesamt, Pizza essen gehen, Freunde und Kollegen treffen, Musik hören und selber machen, zeichnen.

Unser Hirn ist nicht so aufgebaut, dass es Lösungen für Plotprobleme liefert, wenn wir uns nur lang und angestrengt genug an den Schreibtisch setzen.

Sondern die Aha-Erlebnisse kommen oft genau dann, wenn wir sie nicht erwarten, unter der Dusche, beim Kochen, draußen, beim Autofahren, wenn man wegen des dichten Verkehrs keine Chance hat, zum Block zu greifen. Deshalb ist es wichtig, genau solche Auszeiten bewusst in den Tag zu integrieren. Umso wahrscheinlicher ist es meistens, dass die Lösungen auftauchen.
Ich selbst habe aktuell folgenden Rhythmus:

  • eine Hunderunde gehen
  • Tee trinken
  • 45 Minuten konzentriert schreiben
  • länger wandern
  • rund 1 Stunde Mails beantworten, mich um Werbung, Social Media kümmern.
    Dann ist Zeit fürs Mittagessen. Da mein Tag sehr früh beginnt, lege ich mich meistens auch noch einmal hin.
  • rund zwei Stunden Arbeit enthält der Nachmittag, es können auch einmal bis vier Stunden werden, aber der Abend ist dann wieder frei

Bei alledem ist die Zeit für das Schreiben extrem kurz, doch gerade in den schreibfreien Zwischenzeiten werden mir Zusammenhänge meiner Schreibplanung klar, Widersprüche im Plot deutlich, sodass diese Auseiten im Grunde genauso wichtig sind, wie das Schreiben selbst.
So kann ich nur jeden ermuntern, die eigene Schreibroutine unter die Lupe zu nehmen und eventuell netter zu sich selbst zu sein. Niemandem hilft es, wenn ihr euch quält, wenn ihr Stunden am Schreibtisch auf den leeren Bildschirm starrt. In Erzählungen macht es sich oft wirklich gut und es führt auch zu Bewunderung, wenn ihr von Mamut-Schreibsitzungen berichtet: Wow, so wichtig ist ihr / ihm sein Schreiben und der Roman! Was sie / er alles dafür opfert!
Ist das nicht heroisch? Muss ein wahrer Held nicht kämpfen, in erster Linie gegen sich selbst, um zum Erfolg zu kommen? Schließlich verlangen wir das ja auch von unseren Romanfiguren. Sie sollen kämpfen, bis an ihr Äußerstes gehen, sich selbst von Verletzungen und Gefahren nicht aufhalten lassen.

Aber das reale Leben ist kein Roman.

Nein, das Schreiben muss kein Kampf sein, keine Selbstzerstörung, keine Quälerei. Man kann es auch einfach nur fließen lassen und sich ansonsten ein schönes Leben machen.


Beitragsbild: Tired businesswoman sleeping on her desk
@ stockasso, depositphotos.com

Schreibblockaden

Früher dachte ich: Mir kann so etwas nie passieren

… und ist es in den ersten zwanzig Autorenjahren auch nicht. Wenn es geklemmt hat, reichte bei den journalistischen Texten ein kurzes Telefonat mit der Programmleitung und es floss wieder. Bei meinen Romanen war es eher so, dass das Leben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, weil ich am liebsten Tag und Nacht durchgeschrieben hätte.
Inzwischen weiß ich, dass das einfach nur eine Mischung aus Glück gewesen ist und guten äußeren Umständen.

Denn ja, seit einigen Jahren kenne ich sie auch nur zu gut, die Schreibblockaden.

Ganz übel ist es, wenn der Kontostand ins Minus rutscht, ich nur das abgesprochene Exposé schreiben und abgeben müsste, es aber nicht geschrieben kriege, weil …
Tja, warum? Es geht einfach nicht. Ich setze mich hin und mir fällt nichts ein. Alle Ideen, die ich vorher für gut befunden habe, erscheinen nun lächerlich, langweilig oder richtig bescheuert. In vielen Ratgebern habe ich gelesen, dass es hilfreich sei, auf inhaltlicher Ebene zu arbeiten, Mindmaps zu erstellen, sich mit Kollegen fachlich auszutauschen, aber das führt bei mir gar nicht weiter, im Gegenteil. Mit Mindmaps kann ich Hunderte von Ideen produzieren, die dann auch lächerlich sind, langweilig oder mehr als bescheuert. Im Gespräch mit Kollegen kann ich denen erklären, warum das alles nichts taugt. Logik hilft bei mir nicht weiter, denn was fehlt, sind keine Ideen, es gibt keinen grundsätzlichen Fehler in der Handlung, den ich beheben könnte, sondern das Feuer fehlt, das Brennen für ein Thema, für Figuren, der Kick, der mich dazu bringt, mich hinzusetzen, der mir sagt: DU MUSST SCHREIBEN! DAS UND NICHTS ANDERES.
Du musst dich nur durchkämpfen, auch ein Ratschlag, den man häufig hört. Aber was kommt dabei raus? Man schreibt in acht Stunden zwei Seiten, ist völlig erschöpft und löscht beim nächsten Mal die zwei Seiten wieder.

Aber inzwischen habe ich Wege gefunden, die wirklich helfen. Dabei sind zwei Dinge ausgeschlossen, die ich bei Schreibblockaden im Vorfeld überprüfen würde:

  • Ist das Schreiben gut im Tagesplan integriert und funktioniert die Regelmäßigkeit? (Wer versucht, zwischen Tür und Angel ein paar Minuten Schreibzeit zu quetschen, scheitert zumeist. Aber das ist meistens gar nicht das Problem, und wenn es das ist, lässt es sich auch mit logischem Denken beheben.)
  • Wenn es mitten im Roman hängt: Gibt es einen Fehler im Aufbau der Geschichte? (Hier reicht es, eine Kollegin oder einen Kollegen des Vertrauens zu fragen, um eine ehrliche Antwort zu bekommen, das lässt sich auch leicht beheben.)
  • Habt ihr zu viel Ablenkung durch andere Apps und Programme? Legt das Handy ganz weg, in einen anderen Raum, schaltet das Telefon aus, steckt euch eventuell Ohropax in die Ohren und sperrt das Internet, entweder durch das Ziehen des Steckers oder indem ihr selbst am Computer eine Kindersicherung installiert. Beim Mac funktioniert 1Fokus ganz fantastisch.

Aber eine der typischen Schreibblockaden folgt keiner Logik. Die Schreibzeit ist da, könnte genutzt werden. Die Idee wartet nur darauf, umgesetzt zu werden, und es gibt auch keinen Grund, eben nicht anzufangen.

Innerlich ist es, wie wenn man vor einer geschlossenen Tür steht und keinen Schlüssel besetzt. Zu dem „Ich kann einfach nicht“ gesellen sich bald noch andere Gedanken. Das Buch wird sich sowieso nicht verkaufen. Es ist schlecht. Ich bin nicht gut genug. Es gibt schon viel zu viele Autoren, zu viele Bücher, was soll ich da noch … Ich werde es niemals schaffen.
Wobei sich dieses Gedankenkreisen zumindest vermeiden lässt. Nein, setzt euch nicht zum zwanzigsten Mal an den Computer, um euch den Text mühevoll abzutrotzen, denn die Blockade führt dazu, dass man in der Gegend herumdenkt, anstatt zu schreiben. Probiert einmal Folgendes:

  • Macht etwas ganz anderes, etwas Schönes, das ihr euch schon lange gewünscht habt: Geht unter Leute und redet (aber nicht die Schreibblockade immer wieder durchkauen, kurz erwähnen ist okay, aber um die Schreibblockade kreisen, das tut ihr zu Hause schon viel zu lang), treibt Sport, gönnt euch einen Kinobesuch oder was auch immer euch Freude bereitet. Verbietet euch für ein paar Tage das Schreiben und genießt das Leben. Manchmal reichen schon ein paar Stunden, um so einen Durchbruch zu erreichen. Meiner Erfahrung nach sind drei Tage ein guter Zeitrahmen, jedenfalls bei mir.
  • Wechselt den Schreibmodus. Das klingt einfach, ist aber eines der wirksamsten Mittel. Ihr tippt am Computer? Schreibt mit der Hand, diktiert den Text beim Wandern ein oder probiert, auf einem Tablett mit einer App zur Handschriftenerkennung mit einem Pen zu schreiben und die Schrift umwandeln zu lassen. Mir hat es vor einiger Zeit geholfen, auf eine alte elektrische Schreibmaschine zu wechseln. Das war für mich eines der besten Erlebnisse 2018, wie diese für einen Euro ersteigerte Schreibmaschine meinem Schreiben einen so guten Schwung verliehen hat. Es war der am besten angelegte Euro überhaupt.
  • Ändert den Schreibort.
    Vom Schreibtisch aufs Sofa oder in den Sessel, ab ins Bett. Im Sommer kann man sich auch draußen in eine Hängematte legen, wandern gehen und zwischendurch an einem schönen Ort Rast machen und schreiben. Wie läuft es im Café? Hier hilft es, wenn ihr euch fragt, wo ihr früher richtig kreativ sein konntet. Wo hattet ihr ganz am Anfang eurer Schreiblaufbahn die perfekten Ideen, wo floss das Schreiben am besten? Sucht diese Orte wieder auf.

Möge für uns alle 2019 ein ganz besonders kreatives Schreibjahr werden!

Und bei Blockaden: Mögen die Tipps oben euch helfen, wieder in Schwung zu kommen. Ich selbst schreibe im Zweifelsfall in der Hütte auf der alten Schreibmaschine 😊

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Beitragsbild: Writer’s Block Words Road Construction Barrier Barricade @ iqoncept, Depositphotos

Meine drei Info-Highlights fürs Selfpublishing

Nach sechs Jahren im Selfpublishing habe ich unzählige Bücher und Blogartikel gelesen und nutze die Chance des ersten Blogartikels auf meinem neuen Blog der Selfpublishingberatung, einmal zusammenzustellen, was mir persönlich am meisten weitergeholfen hat in all den Jahren.

  1. Das ist einmal die Webseite der Selfpublisherbibel  – Ein Portal rund um das Selfpublishing, bestückt mit sehr umfangreichen Artikel zu so gut wie allen Fragestellungen. Meine Empfehlung: Dort den Newsletter abonnieren. Es gibt einen Newsletter für neue Blogartikel und einen für eine wöchtentliche Übersicht. Damit ist man immer auf dem neuesten Stand. Für diejenigen, die Bücher lieber in der Hand haben und auch offline nachschlagen wollen: Von dem Blog gibt es auch ein Nachschlagewerk mit demselben Namen.

2. Facebook-Gruppe »Self Publishing« – Fragen und Diskussionen über alles rund ums Selfpublishing. Zu dieser Gruppe habe ich persönlich ein gespaltenes Verhältnis. Dort gibt es sehr viel Informatives! Spannende Diskussionen tauchen häufig auf, aber wer dort aktiv ist, muss auch ein gewisses Maß an Konfliktfähigkeit mitbringen und wissen, dass es manchmal besser ist zu schweigen. Nichts für unüberlegte Poster.

3. Die beiden Fachmagazine »der selfpublisher« und »Federwelt« vom Uschtrin Verlag. Hier lohnt es sich, auch die alten Hefte nachzubestellen. In meinem Bücherregal gibt es inzwischen eine ansehnliche Sammlung der Hefte und es kommt immer noch vor, dass ich teilweise in alten Heften blättere, um etwas nachzuschlagen.

Und was sind eure absoluten Lieblingsseiten, Lieblingsbücher und Lieblingszeitschriften übers Selfpublishing?

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Beitragsbild von Books collection, Depositphotos@ Baloncici