Wann ist es gut genug?

Es ist eine generelle Schwierigkeit, die bei allen künstlerischen Tätigkeiten auftritt, ob man es als Hobby oder als Beruf betrachtet.
Während meiner Schulzeit habe ich die Wochenenden und Urlaube genossen, vollständig abgeschaltet, ohne an irgendwelche Pflichten zu denken. Wenn mit der sehr lockeren Einstellung überwiegend Zweien und Dreien herauskamen und auf dem Zeugnis standen, fand ich das gut genug und war zufrieden. Hobbys, Entspannung, Ausgleichszeiten, all das hat sich wie von selbst ergeben. Ein schlechtes Gewissen, wenn ich einmal nachmittags stundenlang vor dem Fernseher gesessen habe? Oder Tage im Bett verbracht? Nein. Warum auch?

Mit dem Schulmusikstudium war es vorbei mit meiner lockeren Einstellung, vor allem beim Geige- und Klavierspielen.

Wenn man es halbwegs professionell betreibt, wird klar:
Einen Tag nicht üben? Kein Problem.
Zwei Tage nicht üben? Ich habe dann deutlich gemerkt, wie die Finger bei technisch schwierigen Stellen nicht flüssig liefen, wie die Konzentration auf dem Notentext und weniger auf der Musik lag, wie ich mehr Kraft aufwenden musste, um ein Stück fehlerfrei zu spielen.
Drei Tage nicht üben? Autsch! Wenn dann eine Unterrichtsstunde ansteht, braucht man dem Lehrer nichts vormachen, es wird nicht laufen. Da hilft es nicht zu sagen: »Am Anfang letzter Woche, da konnte ich es soooo gut!«

Theoretisch gibt es während der Studienzeit mehr als genug Ferien.

Aber mir hat es gegraut vor diesem Zustand, wenn man nach der Pause das Gefühl hat, wieder von vorn anzufangen. Deshalb habe ich Übeunterbrechungen eingelegt. Ferien und Wochenenden? Gestrichen.
Je nach Konstitution ist es kein Problem, das ein paar Jahre durchzuhalten, die Aufmerksamkeit auf die Kunst zu richten, aufs Schreiben, aufs Musizieren, auf sonst nichts.

Wie ein Musikstück kann ein Roman IMMER besser werden, wirklich immer.

Man kann immer ein weiteres Mal überarbeiten, findet kleine Fehlerchen, selbst bei meinen üblichen vier bis fünf Korrekturdurchgängen. Man kann auch sein Schreibpensum immer erhöhen.
Mit diesem Wissen fiel es mir jahrelang schwer, abzuschalten, etwas anderes zu tun als erst die Instrumente zu üben, dann zu Schreiben oder sich mit dem Schreiben zu beschäftigen

Der Gedanke an einen freien Tag hat mich nervös gemacht, weil es ja so viel zu tun und zu verbessern gab.

Ja, den perfekten Roman, den hätte ich gerne gehabt. Er wird selbstverständlich ein Bestseller. 50.000 verkaufte Exemplare, ist das nicht toll? Er erhält natürlich keine schlechten Rezensionen, weil alle angetan sind. Fehlerfrei ist er, ohne einen einzigen Buchstabendreher.

Der Roman macht mich reich, berühmt und glücklich.
So weit die Fantasie.

Träumen ist erlaubt, aber um beim Schreiben einen langen Atem zu bewahren, was viel wichtiger ist als der perfekte Roman, gilt es erst einmal, die Nerven zu schonen. Und jetzt kommt die tragische Erkenntnis: Niemand anderes wird Dir sagen, dass der Roman, Dein Schreiben gut genug ist. Es wird immer diejenigen geben, die keinen Zugang zu dem Geschriebenen bekommen. Perfekt überarbeitete und geplante Romane können sich schlecht verkaufen. Auch nach einem Bucherfolg kann es sein, dass man als Autor jahrelang wie gegen Wände läuft, Absagen kassiert und Flops produziert. Damit umzugehen, ist nicht leicht.

Meiner Meinung nach gibt es nur zwei Dinge, die man selbst tun kann, um beim Schreiben den Spaß zu behalten, nicht auszubrennen und nicht zu verzweifeln.

Ja, der Roman, an dem Du schreibst, an dem ich schreibe, wird nicht perfekt. Er wird wahrscheinlich schlechte Rezensionen bekommen. Vielleicht verkauft er sich gut, vielleicht nicht.
Aber eins kann ich von meinem nächsten Roman gewiss sagen: Ich habe einen Riesenspaß beim Schreiben. Und was für einen! Ich genieße es, in die Figuren, die Handlung, die Orte einzutauchen. Schreiben ist für mich entspannend wie Meditation oder wie ein Mittagsschlaf. Ich liebe es – wieder. Denn ich lasse mir garantiert den Spaß daran nicht mehr verderben, halte mir kein unerreichbares Optimum vor Augen

Am Anfang war Schreiben mein Abtauchen, mein Kurzurlaub, jetzt ist es wieder so.

Das ist der erste Punkt, der wichtig ist, um langfristig die Nerven zu behalten. Sich bloß von niemandem den Schreibfluss und die Freude am Schreiben nehmen lassen! Den inneren Lektor und Kritiker in den Urlaub schicken.

Der zweite Punkt, der mich nicht verzweifeln und mich Fehlschläge ertragen lässt: Meine Ziele sind klein, aber erreichbar.

»Ich schreibe jetzt innerhalb eines Monats den nächsten Megabestseller«, das wünschen sich viele gerade am Anfang ihrer Schreibkarriere. Diese Einstellung führt ins Unglücklichsein.
Warum nicht klar definieren:

  • Ich schreibe jeden Tag dreißig Minuten.
  • Ich schreibe jeden Tag 500 Wörter.
  • Heute suche ich aus dem Internet Bilder für meine Protagonisten heraus und drucke sie aus

Das klingt nicht sonderlich beeindruckend. Wer das auf Partys erzählt, wird dafür kaum Bewunderung bekommen.

»Du schreibst jeden Tag dreißig Minuten? Also ICH war heute EINEINHALB Stunden im Fitnessstudio und was glaubst Du, was ich für einen Muskelkater habe?«

Doch darum geht es nicht. Wir Autoren brauchen niemanden zu beeindrucken, uns nicht zu vergleichen, es ist egal, ob es dreißig Minuten Schreibzeit am Tag sind oder zwei Stunden, 500 Wörter oder 2000. Wir sind niemandem Rechenschaft schuldig außer uns selbst, erst einmal. Die Frage ist nicht, welches Pensum beeindruckt, welches Pensum ich haben muss, um mit einem Kollegen oder einer Kollegin mitzuhalten, sondern was mein erreichbares Ziel ist, das ich recht locker schaffe, das mich beflügelt und nicht auslaugt.
Es ist auch eine Wertschätzung und Freundlichkeit sich selbst gegenüber, indem wir uns Ziele setzen, die zwar klein sind, aber in der Regelmäßigkeit weiterführen. Heute habe ich diesen Artikel geschrieben. Im Vergleich mit anderen Autoren ist das sicher nicht sehr beeindruckend.
Was soll es?

Wartet nur, morgen …morgen schreibe ich wieder eine halbe Stunde

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Foto: Depositphotos.com, Happy child playing outdoors@ Yaruta

Schreibblockaden

Früher dachte ich: Mir kann so etwas nie passieren

… und ist es in den ersten zwanzig Autorenjahren auch nicht. Wenn es geklemmt hat, reichte bei den journalistischen Texten ein kurzes Telefonat mit der Programmleitung und es floss wieder. Bei meinen Romanen war es eher so, dass das Leben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, weil ich am liebsten Tag und Nacht durchgeschrieben hätte.
Inzwischen weiß ich, dass das einfach nur eine Mischung aus Glück gewesen ist und guten äußeren Umständen.

Denn ja, seit einigen Jahren kenne ich sie auch nur zu gut, die Schreibblockaden.

Ganz übel ist es, wenn der Kontostand ins Minus rutscht, ich nur das abgesprochene Exposé schreiben und abgeben müsste, es aber nicht geschrieben kriege, weil …
Tja, warum? Es geht einfach nicht. Ich setze mich hin und mir fällt nichts ein. Alle Ideen, die ich vorher für gut befunden habe, erscheinen nun lächerlich, langweilig oder richtig bescheuert. In vielen Ratgebern habe ich gelesen, dass es hilfreich sei, auf inhaltlicher Ebene zu arbeiten, Mindmaps zu erstellen, sich mit Kollegen fachlich auszutauschen, aber das führt bei mir gar nicht weiter, im Gegenteil. Mit Mindmaps kann ich Hunderte von Ideen produzieren, die dann auch lächerlich sind, langweilig oder mehr als bescheuert. Im Gespräch mit Kollegen kann ich denen erklären, warum das alles nichts taugt. Logik hilft bei mir nicht weiter, denn was fehlt, sind keine Ideen, es gibt keinen grundsätzlichen Fehler in der Handlung, den ich beheben könnte, sondern das Feuer fehlt, das Brennen für ein Thema, für Figuren, der Kick, der mich dazu bringt, mich hinzusetzen, der mir sagt: DU MUSST SCHREIBEN! DAS UND NICHTS ANDERES.
Du musst dich nur durchkämpfen, auch ein Ratschlag, den man häufig hört. Aber was kommt dabei raus? Man schreibt in acht Stunden zwei Seiten, ist völlig erschöpft und löscht beim nächsten Mal die zwei Seiten wieder.

Aber inzwischen habe ich Wege gefunden, die wirklich helfen. Dabei sind zwei Dinge ausgeschlossen, die ich bei Schreibblockaden im Vorfeld überprüfen würde:

  • Ist das Schreiben gut im Tagesplan integriert und funktioniert die Regelmäßigkeit? (Wer versucht, zwischen Tür und Angel ein paar Minuten Schreibzeit zu quetschen, scheitert zumeist. Aber das ist meistens gar nicht das Problem, und wenn es das ist, lässt es sich auch mit logischem Denken beheben.)
  • Wenn es mitten im Roman hängt: Gibt es einen Fehler im Aufbau der Geschichte? (Hier reicht es, eine Kollegin oder einen Kollegen des Vertrauens zu fragen, um eine ehrliche Antwort zu bekommen, das lässt sich auch leicht beheben.)
  • Habt ihr zu viel Ablenkung durch andere Apps und Programme? Legt das Handy ganz weg, in einen anderen Raum, schaltet das Telefon aus, steckt euch eventuell Ohropax in die Ohren und sperrt das Internet, entweder durch das Ziehen des Steckers oder indem ihr selbst am Computer eine Kindersicherung installiert. Beim Mac funktioniert 1Fokus ganz fantastisch.

Aber eine der typischen Schreibblockaden folgt keiner Logik. Die Schreibzeit ist da, könnte genutzt werden. Die Idee wartet nur darauf, umgesetzt zu werden, und es gibt auch keinen Grund, eben nicht anzufangen.

Innerlich ist es, wie wenn man vor einer geschlossenen Tür steht und keinen Schlüssel besetzt. Zu dem „Ich kann einfach nicht“ gesellen sich bald noch andere Gedanken. Das Buch wird sich sowieso nicht verkaufen. Es ist schlecht. Ich bin nicht gut genug. Es gibt schon viel zu viele Autoren, zu viele Bücher, was soll ich da noch … Ich werde es niemals schaffen.
Wobei sich dieses Gedankenkreisen zumindest vermeiden lässt. Nein, setzt euch nicht zum zwanzigsten Mal an den Computer, um euch den Text mühevoll abzutrotzen, denn die Blockade führt dazu, dass man in der Gegend herumdenkt, anstatt zu schreiben. Probiert einmal Folgendes:

  • Macht etwas ganz anderes, etwas Schönes, das ihr euch schon lange gewünscht habt: Geht unter Leute und redet (aber nicht die Schreibblockade immer wieder durchkauen, kurz erwähnen ist okay, aber um die Schreibblockade kreisen, das tut ihr zu Hause schon viel zu lang), treibt Sport, gönnt euch einen Kinobesuch oder was auch immer euch Freude bereitet. Verbietet euch für ein paar Tage das Schreiben und genießt das Leben. Manchmal reichen schon ein paar Stunden, um so einen Durchbruch zu erreichen. Meiner Erfahrung nach sind drei Tage ein guter Zeitrahmen, jedenfalls bei mir.
  • Wechselt den Schreibmodus. Das klingt einfach, ist aber eines der wirksamsten Mittel. Ihr tippt am Computer? Schreibt mit der Hand, diktiert den Text beim Wandern ein oder probiert, auf einem Tablett mit einer App zur Handschriftenerkennung mit einem Pen zu schreiben und die Schrift umwandeln zu lassen. Mir hat es vor einiger Zeit geholfen, auf eine alte elektrische Schreibmaschine zu wechseln. Das war für mich eines der besten Erlebnisse 2018, wie diese für einen Euro ersteigerte Schreibmaschine meinem Schreiben einen so guten Schwung verliehen hat. Es war der am besten angelegte Euro überhaupt.
  • Ändert den Schreibort.
    Vom Schreibtisch aufs Sofa oder in den Sessel, ab ins Bett. Im Sommer kann man sich auch draußen in eine Hängematte legen, wandern gehen und zwischendurch an einem schönen Ort Rast machen und schreiben. Wie läuft es im Café? Hier hilft es, wenn ihr euch fragt, wo ihr früher richtig kreativ sein konntet. Wo hattet ihr ganz am Anfang eurer Schreiblaufbahn die perfekten Ideen, wo floss das Schreiben am besten? Sucht diese Orte wieder auf.

Möge für uns alle 2019 ein ganz besonders kreatives Schreibjahr werden!

Und bei Blockaden: Mögen die Tipps oben euch helfen, wieder in Schwung zu kommen. Ich selbst schreibe im Zweifelsfall in der Hütte auf der alten Schreibmaschine ?

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Beitragsbild: Writer’s Block Words Road Construction Barrier Barricade @ iqoncept, Depositphotos